Intentional Camera Movement – ICM

Style over Substance

Wenn ich also der bei meinen Portraitfotos von mir verwendeten Technik einen Namen gebe, bringt mich das dann künstlerisch weiter, da ich erkannt habe was ich da mache, oder schließt es vielleicht sogar einen Arbeitszyklus ab, so dass es dort für mich nicht mehr weitergeht? Wenn die Betrachter:innen der Fotos die zugrundeliegende Technik sofort benennen können, nimmt es ihnen dann ein Stückchen der Unmittelbarkeit des Werks und verdirbt es am Ende sogar das Erleben der eigenen Erfahrung der Kunst?
Und: braucht der Fotograf heutzutage einen Namen für seine Technik, um seine Arbeit bei YouTube oder instagram zu vermarkten?

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Wa(h)re Namen droppen

Während ich Frage 1 mit Nein und Frage 2 mit Ja beantworten muss, kann ich die letzte Frage ganz klar mit Jain beantworten.
Ein Internetbekannter von mir, Jake Wangner, nutzte die Technik des Intentional Camera Movement nämlich in seinem selbstgefertigten Fotobuch alone, together, veröffentlicht im November 2019, und verkauft mittlerweile die dritte Auflage, ohne auch nur einmal die hauptsächlich seiner Arbeit zugrundeliegende Methode ICM genannt zu haben und andererseits beschäftigen sich die neuen Fotografiegott:innen auf YouTube wie zum Beispiel George Muncey aka Negative Feedback* und Jason Kummerfeldt aka 50_shades_of_jason aka grainydays und auch Vuhlandes oft schwerpunktmäßig mit mehr oder weniger bekannten Techniken und Styles oder dem Erarbeiten dieser Styles. Nothing wrong with that!

Trotzdem finde ich es auch spannend mir beispielsweise die Fotos von Oghalé Alex anzusehen, obwohl er kein YouTube-Fotografie-Unterhaltungs-Gott ist, da er sich angenehmerweise tatsächlich mehr auf seine Fotografie als auf die Präsentation der Präsentation seiner Fotografie konzentriert.

Intentional Camera Movement oder die Bewegung des Werkzeugs

But I digress…

Bevor ich wusste, dass Menschen dieser Methode bereits einen Namen gegeben haben, habe ich ICM angewendet. Ich brauchte also keine Begriffsdefinition oder ein cooles YouTube Video oder das Bedürfnis ein cooles YouTube Video zu machen, bevor ich mit dem Stilmittel gearbeitet habe. Im Folgenden findet ihr einige Gedanken zur Anwendung dieser Technik in meiner Arbeit.

John Berger schreibt in seinem Essay „Understanding a photograph“:

„The true content of a photograph is invisible, for it derives from a play, not with form, but with time.“ (Berger, John 1968)

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Der Gegenstand der Fotografie ist unsichtbar

Mit dem Zitat stellt Berger die These auf, dass die Essenz der Malerei, der an sich in einem Gemälde sichtbare Inhalt ist. Im Gegensatz dazu sei der Kern, also der „wahre Inhalt“, der Fotografie unsichtbar, da die Festsetzung von Zeit die tatsächliche Natur der Fotografie sei. Dieser wahre Inhalt sei, laut Berger, in einer Fotografie aber nicht unmittelbar sichtbar. Doch stimmt dies wirklich?

Schauen wir uns beispielsweise einmal die Zeit an, die vergeht bis ein Kunstwerk fertig gestellt ist. Bei klassischer Malerei vergeht bei der Erstellung eines Portraits unter Umständen sehr viel Zeit während am Kunstwerk gearbeitet wird. Und dies nicht zu knapp. Bis ein klassisches Portrait fertig wurde, konnten schonmal einige Tage (Cézanne) bis zu mehreren Jahren (Leonardo DaVinci’s Mona Lisa: mehr als 4 Jahre) vergehen. Wir lassen hierbei jetzt einmal den Vergleich von Stilllebenfotografie und Stilllebenmalerei außen vor, wie Berger es auch getan hat.

Es wird in der Malerei also auch mit Zeit gearbeitet, wie in der Fotografie. Nur ist dies im Bild tatsächlich unsichtbar. Es wird ein Moment, in dem beispielsweise ein Mädchen mit Kopftuch über ihre linke Schulter zum Maler blickt, während ihr Perlenohrring aufblitzt, nur vorgetäuscht. Es gab diesen Moment nie wirklich. Er wurde künstlich erzeugt, vorgetäuscht. Es wird in der Malerei, unsichtbar, mit Zeit gespielt, ähnlich wie in der Fotografie.

Auch wenn dies grob verallgemeinert ist: vergleicht man die reine Dauer der Fertigstellung einer Malerei mit der Erstellung einer Fotografie und lässt nun erstmal eine umfangreiche Bildbearbeitung außen vor, ist die Portraitfotografie zwar die signifikant schnellere Kunstform. Jedoch ist dieser Unterschied nur eine relativer Unterschied. Zwar vergeht weniger Zeit, aber es vergeht dennoch Zeit. Ohne zu weit in die Domäne der Langzeitbelichtung vorzustoßen, kann man mittels der Technik des Intentional Camera Movements, die während der Aufnahme vergangene Zeit sogar bildnerisch darstellen, wie ich im Folgenden erläutern werde.
Was würde Berger wohl hierzu sagen? Wieso sollte ein gemaltes Portrait nicht genauso seinen unsichtbaren Entstehungsprozess zum Thema haben können, und wieso die Fotografie nicht sichtbar vergehende Zeit darstellen?
Bergers Zitat ist inspirierend, greift aber in 2021 zu kurz.

Und damit kommen wir zur Lüge in der Fotografie und der Malerei.

Die Lüge

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Entgegen der landläufigen Meinung Fotografie sei das “Einfangen” oder “Festhalten” von Momenten, gibt es sowohl in der Malerei als auch auch in der Portraitfotografie keinen Moment. Zumindest wenn man mit einem postmodernen Auge darauf schaut. Es ist die große Lüge der Fotografie einen Moment „einfangen“ zu können. Die Kamera ist nicht in der Lage einen Moment „festzuhalten“. Die Realität kennt nämlich keine Momente sondern nur einen steten Fluss von Ereignissen, die, je genauer man hinschaut, in immer kürzere Zeiteinheiten zerbrechen, ohne dass man jemals bei „dem Moment“ ankommt ohne ihn gleichzeitig dadurch zu zerstören.

Der Moment beginnt erst im Nachinein zu existieren, sobald die Fotografie ihn künstlich erzeugt. So wie es in der Malerei auch geschieht. Es ist als würde man einen Fluß betrachten und dann mit einem Eimer etwas herausschöpfen und schließlich behaupten, in dem Eimer befände sich genau der Teil des Flusses, der kurz vorher noch betrachtet wurde. Aber dies ist falsch.
Denn dieser Teil des Flusses entsteht erst durch die Handlung des Abschöpfens des Wassers. Es gab diesen Teil, diesen „Moment des Flusses“, vorher nicht. Und weder fehlt der Eimer Wasser dem Fluss jetzt, noch fehlt der Fluss dem Inhalt des Eimers, noch gibt es im Fluss jetzt einen Teil der dem Teil im Eimer eigentlich entspräche; so wie in der Rückschau der angeblich fotografisch festgehaltene Moment, einen entsprechenden Moment der vorbeigeflossenen Realität darstellen soll.

Mit dem Inhalt des Eimers, und so auch, im übertragenen Sinn, mit dem nur scheinbar festgehaltenen Moment in der Fotografie, ist ein eigenständiges Ding entstanden und hat gleichzeitig jeglichen real existierenden Kontext verloren. Nun ist es die Aufgabe des Fotografen Kontext neu zu kreieren.

Intentional Brush Movement

Obwohl Berger sehr stark zwischen Malerei und Fotografie differenziert, ist die Darstellung der Kamerabewegung in der Fotografie vergleichbar mit dem sichtbare Pinselstrich in der Malerei.
Für die Betrachter:innen wird eine körperliche Auseinandersetzung zwischen Künstler und Werkzeug evident. Der Schaffensprozess wird sichtbar, und teilweise auch das Medium.

Anmerkung: An dieser Stelle spare ich mir bewusst die Auflistung von Kameratechniken und Methoden der Fotografie, mit denen Du ICM machen kannst. Solche guten Auflistungen findest Du bereits im Internet. In den weiterführenden Links dieses Beitrags, sind einige kuratierte Links zu deutschen und englischen Webseiten und Beiträgen, die meiner Meinung nach besonders gut einige der zur Verfügung stehenden Techniken aufzeigen.

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Bewegung ist Zeit

In der Malerei ist das Tool relativ gut handelbar. Es ist leicht; falls gewünscht können die Pinselstriche also schnell und unmittelbar ausgeführt werden. Das Ergebnis kann lange korrigiert werden, sogar noch während die Farbe trocknet und nicht erst viel später, aber selbstverständlich auch wenn die Farbe bereits getrocknet ist. Tatsächlich ist es eine grundlegende Technik in der Malerei, die aufgebrachte Farbe auf der Leinwand mit anderen Farben zur Darstellung des Motivs in Einklang zu bringen.

Im Gegensatz zur Leichtigkeit des Pinsels in der Malerei, ist die Bewegung der Kamera in der Fotografie während der Aufnahme klobig, schwerfällig und, bedingt durch die Art der Bilderzeugung, endgültig. Die Bewegung ist hier oft bestimmt durch die Praktikabilität des Handlings der Kamera. Wer jemals schon ohne Stativ eine Mittelformatkamera während der Belichtung (mit Intention) bewegt hat, weiß wovon ich spreche. Es ist als wenn Maler:innen versuchen, mit einem kiloschweren Pinsel Farbe auf die Leinwand zu bringen. Ächz.

Literally Black Box

In der analogen Fotografie ergibt sich durch die zeitliche Differenz zwischen Belichtung des Films und der Betrachtung des Resultats durch den Fotografen, durch die Kamerabewegung eine starke Unvorhersehbarkeit in Hinblick auf das Endergebnis. Diese Differenz führt noch einen Schritt tiefer in die Bedeutungsebene eines Fotos. Und zwar da hier der der Schaffensprozess, beziehungsweise die „Störung“ des Schaffungsprozesses durch Bewegung sichtbar wird und gleichzeitig Entstehungsprozess und Endergebnis voneinander entkoppelt werden, so dass das Ergebnis des „Kamerapinselstrichs“ für den Künstler nicht unmittelbar sichtbar ist.

Die Kamera wird hier buchstäblich zur Black Box.

BlackBox

Im Unterschied zur analogen Fotografie, ist digitale Fotografie entlarvend und beschleunigend. Es wird eine Fotografie erzeugt, die im Augenblick der Entstehung bereits scheinbar unvergänglich ist. Ein Trugschluss, da die digitale Fotografie einfach nur anderen Zersetzungsprozessen unterliegt.

Das Ergebnis in der digitalen Fotografie ist sofort sichtbar, zumindest was die Komposition angeht. Die Blackbox ist aufgelöst. Es gibt kein im Dunkeln auf Kunstoff durch Licht angeregtes, chemisch vor sich arbeitendes „Bild“, dass durch seine Vergänglichkeit dem nur scheinbar existierenden, realen Moment so unheimlich nahe kommt. Das “Festhalten des Moments“ ist bereits bei der Produktion des Films, beim Aufbringen der Emulsion auf den Kunststoff, zum Scheitern verurteilt. Das Medium Film degradiert. Es reagiert und verändert sich unaufhörlich.
Die Degradierung findet weniger schnell innerhalb des Haltbarkeitsdatums des Films statt, und wenn der Film gekühlt gelagert wird, sogar noch langsamer.
Aber er degradiert in jedem Fall. Und dies noch bevor der Film das Licht gesehen hat, was zur künstlerischen Erzeugung des Moments nötig ist. Wenn der Auslöser dann den Film belichtet, läuft der Zerfall langsam aber stetig weiter. Unbeeindruckt. So wie der reale Moment degradiert und sobald er erzeugt wird bereits nicht mehr existiert.

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Digital ist besser? Nein. Anders.

Im Gegensatz zur analogen Fotografie, nähert die digitale Fotografie sich von der anderen Seite dem nicht existierenden Moment an. Es wird nicht, wie in der analogen Fotografie, versucht einen Wimpernschlag mechanisch zu erzeugen und ein Bild destruktiv zu speichern. Außer bei den Chimären der Fotografie, den DSLRs, den Digitalkameras mit Spiegel, wo hinter dem analogen “Augenlid” der Kamera eine digitale Netzhaut wartet.

Die Annäherung findet von Seiten des bewegten Bilds statt. Es besteht technisch kaum noch ein Unterschied zwischen Fotografie und bewegtem Film. Es wird nahezu in Echtzeit Ergebnis nach Ergebnis nach Ergebnis produziert. So wie in der Realität scheinbar Moment auf Moment auf Moment folgt und sich jeder einzelne Moment letztlich im Fluss der Realität auflöst. Eines (oder tausende) von diesen Ergebnissen wird aus dem digitalen Fluss extrahiert und auf dem Speichermedium als Bilddatei abgespeichert.
Eigentlich wäre es echt leichter ein Video zu drehen und dann Stills aus dem Video als Fotos zu isolieren. Technisch gesehen passiert dies selbstverständlich bereits schon lange in Mobiltelefonkameras, Stichwort Burstfunktion. Hier ist sogar der Auslöser wenn er länger gedrückt wird auf der Funktions- aber eben auch auf der Bedienebene gleichzeitig ein Start- und Stopbutton für Videoaufnahmen, obwohl man sich eigentlich ja im Kameramodus zur Aufnahme eines einzelnen Bildes befindet.

Zurück zur Bewegung in der Fotografie.

Ein Moment ist in Bewegung

Um heutzutage wirklich die Illusion eines festgehaltenen Moment zu erreichen und nicht einfach einen weiteren mechanisch erzeugten „Film Still“, also ein Standfoto einer Sequenz von Bildern (a.k.a. Video), die sobald sie erzeugt wurden bereits out of date sind, gehe ich einen Schritt in der verwendeten Technologie zurück und fotografiere analog. Zumindest soweit dies praktikabel ist, und es das Projekt erlaubt.

„Light is a power. A great power, by which we exist, but which exists beyond our needs, in itself. Sunlight and starlight are time, and time is light.“ Ursula K. LeGuin, A Wizard of Earthsea (1968)

Ich denke ja, Licht ist etwas, das geschieht (siehe hierzu mein Konzept für die Ausstellung von Nachtfotografie Into the Night).  Aber ganz gleich ob digital oder analog fotografiert, um im Duktus des Films zu bleiben: Auf ein und dem selben Frame, also auf einer sich nicht (oder nur extrem langsam) verändernden Fläche im Raum, wird bei ausbelichteten Fotos mittels der Intentional Camera Movement Methode ein Zeitraum abgebildet, dessen Abbildung nicht der Intention der herkömmlichen Fotografie entspricht.

In dieser Fotografie ist ein Moment gleich einer definierten und gleichbleibenden Fläche im Raum. Es gibt für die herkömmliche Fotografie kaum etwas schlimmeres als Unschärfe, denn nur durch scharfe Bilder entsteht die perfekte Simulation des imaginären Moments. Mit ICM weitet der Fotograf durch die Kamerabewegung und die gezielte Abbildung von Unschärfe vergehende Zeit aus, und kann so auf ein und der selben räumlichen Fläche einen längeren Zeitraum darstellen, ohne dass sich der dargestellte Inhalt ändert, wie es beispielsweise beim Film der Fall ist.

Denn eine Filmprojektion bildet auf einer definierte Fläche (Leinwand) eine Sequenz von Einzelbildern ab, die sich stetig ändern. Dies trifft auch auf feststehende Kameraeinstellungen im Film und sogar Projektionen von scheinbar feststehenden Kameraeinstellungen, Freezeframes (bei denen es sich tatsächlich aber um ein sich immer wiederholendes Einzelbild handelt) zu. Gleichzeitig vergeht zwar auch in der Realität des Betrachters der Leinwand die Zeit. Tatsächlich ist die verstreichende Zeit des Betrachters aber unabhängig von der Zeit, die in der filmischen Erzählung vergeht und kann künstlerisch und erzählerisch manipuliert werden. Ich möchte den Begriff „manipuliert“ in diesem Fall wertfrei verstanden wissen. Vielleicht wäre aber „editiert“ hier ein besserer Begriff.

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Lines of motion

Wenn man eine Fotografie im modernen Sinn als „Film Still“ betrachtet, bei dem tatsächlich versucht wird, den Film der Realität „anzuhalten“, ist es dem Fotografen aber trotzdem möglich über Bewegungslinien, also lines of motion, vergehende Zeit auf einem einzelnen räumlichen Frame zu fotografieren und dem Betrachter eine normalerweise unmögliche Perspektive zu vermitteln. Und zwar kann der Fotograf etliche vergehende „Momente“ zeitgleich darstellen. Diese Technik kennt man aus Sequenzieller Kunst, auch Comics genannt. Hier wird beispielsweise vergehende Zeit durch Bewegungslinien in einem Frame verdeutlicht, oder es wird, unter anderem, die verstreichende Zeit, die der Betrachter benötigt einen großen Einzelframe zu erfassen, genutzt um einen Eindruck von fortschreitender Zeit in ein und demselben Frame zu erzeugen.
Vergleiche Scott McCloud, Comics richtig lesen, Kapitel 4, Seite 102, „Zeitrahmen“.

Film Stills und Fotografie habe ich übrigens in meinem Beitrag über Virtuelle Fotografie in CYBERPUNK 2077 bereits erwähnt.

Für mich als Fotograf, und sicherlich auch für Fotografen wie Jake Wangner, sind diese technischen Aspekte aber, wenn sie überhaupt eine Rolle spielen, zweitrangig. Vorrangig ist für uns das Spiel mit der Farbe, die Möglichkeit Gefühle zu erzeugen und Gedankenprozesse in Gang zu setzen; den Betrachter einen (zeitlichen) Schritt zurück treten zu lassen, den er in der Realität nicht in der Lage ist zu machen. Um mehr zu darzustellen, als den einen Moment, den die Fotografie standardmäßig so wunderbar in der Lage ist herbeizulügen. Eine Szene zu kreieren mit bewegten Emotionen und flüchtigen Eindrücken und diese auf ein und dieselbe Fläche im Raum zu komprimieren, um die Eindrücke dem Betrachter zu vermitteln.

„Die Malerei soll nicht ausschließlich visuell oder retinal sein. Sie soll auch die graue Materie, unser Verlangen zu verstehen, interessieren.“ – Marcel Duchamp

Sound of motion

Musik ist Bewegung. Bewegung von Luftmolekülen, Bewegung des Trommelfells und Bewegung von elektrischen Impulsen von Nervenenden bis zur grauen Materie. Eine temporäre Aneinanderreihung von überlagerten Ereignissen ohne eingeschränkte Projektionsfläche. Ereignisse die als Gesamtes eine Story erzählen. Ereignisse, die die Zuhörer:innen von Eindruck zu Eindruck begleiten.
 Es lag für mich nahe, die Band Tau 5 beim MoersFestival so zu portraitieren, dass diese Eindrücke vermittelt werden. Ich habe mich bei den Fotos für Kodak Ektar 100 als Filmmaterial entschieden und mit meiner Nikon F2 fotografiert. Als Kunstlichtquelle habe ich zwei Seitenlichter leicht hinter die Personen platziert, um möglichst große dunkle Flächen in den Gesichtern der Motive zu erzeugen.

Tau5, hier ein Review von Tau5 Kreise auf beatblogger und hier ein kleine Empfehlung auf neolyd.com, erscheinen auf Fun in the Church, einem Tochterlabel von staatsakt.
Ich bin mir sicher, die 2021er Iteration von On the Corner-Miles Davis, würde sich direkt in das Album Kreise verlieben.
Um etwas Variabilität für die Bandpromofotos zu haben, habe ich Philipp Gropper, Moritz Baumgärtner, Philip Zoubek, Ludwig Wandinger und Petter Eldh von Tau5 im gleichen Kunstlicht, zusätzlich auch ohne die Methode Intentional Camera Movement zu nutzen, fotografiert.

Alle Bilder vom Bandfotoshooting könnt ihr in meinem Portfolio anschauen.

kwerfeldein.de hat im Rahmen des Projekts #52Wochen als Thema 41 im Oktober 2020 dazu aufgerufen Fotos mit der ICM Technik zu machen. Hier findet ihr die Ergebnisse.

– Falls euer Interesse geweckt ist, findet ihr hier einige interessante ICM Techniken zusammengefasst von Kate Fish (deutsch).

– Beispiele für ICM in Architekturfotografie gibts bei Andrew S Gray (englisch).

– und hier eine Zusammenfassung der von Andrew Gray benutzten ICM Techniken auf petapixel (englisch).

– fstoppers haben einige Techniken aufgelistet mit deren Hilfe ihr ICM mit eurer Digitalkamera machen könnt (englisch).

– Einer der Pioniere der ICM Technik ist Kōtarō Tanaka. Hier kann ich nur jedem seine Fotos von Feuerwerken ans Herz legen, falls ihr eine Ausgabe von YUME SENYA THE WORLD OF KÔTARÔ TANAKA findet.

– Oghalé’s Blog
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